Der «Balkangraben» in den Köpfen – oder warum sprechen alle über Integration statt über Rassismus?

21.07.2016 , in ((Media, Politics)) , ((No Comments))

Die Schweiz hat nicht ein Integrationsproblem, sondern ein Rassismusproblem. Die Etablierung des «Schweizerischen Migrationskomplexes» seit Beginn des 20. Jahrhunderts dient dazu, den Zugang von MigrantInnen zu Rechten, Ressourcen und Anerkennung zu steuern – und Privilegien verschiedener Fraktionen der Dominanzgesellschaft abzusichern. Eine zeitgenössische Migrationspolitik und -forschung muss sich eine rassismuskritische Perspektive zu eigen machen, um strukturelle Ungleichheit analysieren und Lösungen dagegen anbieten zu können.

Die Europameisterschaften sind vorbei. Die Schweiz hatte nicht überragend gespielt. Nichtsdestotrotz florierte der leichtfüssige Patriotismus. Und alle jubelten, als Xherdan Shaqiri das runde Leder mit einem Fallrückzieher für die Schweiz ins Tor zirkelte. Vergessen die Debatte über den «Balkangraben» in der Nationalmannschaft: Noch im Herbst 2015 hatte Captain Lichtsteiner beklagt, dass eine Nationalmannschaft, die aus zwei Dritteln Secondos bestehe, zu wenig Identifikationskraft für das Land ausstrahle. Es wurde gemunkelt, dass die schweizerisch-kosovarischen Spieler sich nicht in die Mannschaft «integrieren». So selbstverständlich schienen diese Bedenken, dass Medien nach dem «Röstigraben» nun einen «Balkangraben» in der Nati, ja in der Schweiz ausmachten.

Shaqiri_500

Welches Bild hat die Schweiz von sich? Und wer definiert es? (Aargauer Zeitung 15.11.2015)

Mythos Schweiz und struktureller Rassismus

Die Kommentatoren berücksichtigten nicht, dass knapp 40% der Schweizer Bevölkerung Migrationshintergrund hat (BFS). Für diese Menschen haben Shaqiri oder Inler durchaus Identifikationspotential. Sie könnten Brüder, Söhne oder Cousins sein. Welches Bild haben also die Medien, wenn sie die «Schweizer Öffentlichkeit» ansprechen? Offensichtlich nicht die alltägliche Realität in den Schulen, auf der Strasse, in den Einkaufszentren und den Sportclubs. Vielmehr liefert der dominante nationale Mythos einer weissen, bodenständigen Schweiz (ohne Migrationshintergrund) den kulturellen Massstab, der die mediale und politische Öffentlichkeit dominiert – und an dem sich Shaqiris, Inlers, Jains, D’Amatos und Fibbis seit jeher anpassen mussten.

Ethnische und rassialisierte Unterschiede  erscheinen als natürlichen Grenzen dieser dominanten Öffentlichkeit sowie als selbstverständliche Kategorien, um Migration zu problematisieren. Strukturelle Diskriminierung in Politik, Medien, Ökonomie und öffentlicher Kultur wird stattdessen ausgeblendet: Die Schweizer Rundfunk berichtet über Menschen mit Migrationsvorsprung unterproportional und wenn, dann vor allem problemorientiert (Bonfadelli et al. 2008). Die Chance von Second@s aus einem bildungsfernen Haushalt in ein hochqualifiziertes Segment aufzusteigen, ist doppelt so schlecht wie bei Jugendlichen mit Schweizer Eltern (OECD 2015). Weiter, hat gut ein Viertel der Schweizer Bevölkerung qua Ausländerstatus sehr eingeschränkte politische Rechte.

Es existiert also tatsächlich ein «Balkangraben» in der Schweiz: In den Köpfen und den Institutionen der Dominanzgesellschaft. Das Konzept der «Integration» hilft nicht viel weiter, um die strukturellen Ausschlussmechanismen zu analysieren. Viel eher taugt dazu der in der Schweiz ungeliebte Begriff des Rassismus. Rassismus meint hier nicht die böswillige und intentionale Verachtung oder Schädigung von Menschen anderer Ethnie oder Hautfarbe – wie er landläufig im Sinne einer Skinhead-Karikatur verstanden wird. Stattdessen versteht die Forschung unter Rassismus ein ökonomisches, politisches und kulturelles Herrschaftssystem, das Menschen aufgrund ethnischer oder rassialisierter Unterscheidung, ungleichen Zugang zu Status, Rechten, Ressourcen und Freiheit zuweist (Priester 2003).

In Verteidigung der Schweiz vor Malayen, «Tschinggen» und «Kosovo-Rasern»

Seit der Entwicklung des «Schweizer Migrationskomplexes» (Jain/Randeria 2014) hat der «Balkangraben» – als struktureller Rassismus und als Stigmatisierungsdiskurs – in der Schweiz eine lange Geschichte.

1915 schrieb etwa der liberale Staatsrechtsprofessor Walther Burckhardt:
«Man braucht sich nicht einzubilden, der eigene Volksschlag sei der beste und verdiene a priori den Vorzug vor den anderen, und kann es doch berechtigt finden, dass jeder Volksstamm sich selbst bleiben wolle, d.h. sich fremde Rassen fernhalte, solange er sich als lebenskräftig erweist; es sollte jedenfalls nicht dem Spiel des Zufalles überlassen werden, ob sich heute Hunderte und Tausende von Polen, morgen ebenso viele Russen oder Juden, und übermorgen vielleicht Chinesen und Malayen ansiedeln.» (Burckhardt 1913,cit. Kury 2003)

Diese Geographie der Unassimilierbarkeit, die bis heute im Dreikreise- und aktuell im Zweikreise-Modell ihre Fortsetzung findet, charakterisiert die Entwicklung des «Schweizer Migrationskomplex», im mehrfachen Sinne des Wortes: 1917 wurde die Eidgenössische Fremdenpolizei gegründet. 1931 tritt das Ausländer- und Niederlassungsgesetz ANAG in Kraft.

1968 beschrieb Marc Virot, der liberale Vorsteher der Berner Fremdenpolizei, prosaisch die Haltung einer «Schweizer Herrenrasse» gegenüber ihren «Gastarbeitern»:
«Wir möchten ganz allgemein, dass sich die Ausländer anständig, gut erzogen und zivilisiert verhalten, also nicht grölen, sich betrinken, und Skandal erregen, im Kino nicht alles laut kommentieren und mit Esswaren Lärm erzeugen, am Boxkampf keine Flaschen werfen, Frauen belästigen, die Strassen und Wohnungen nicht verunreinigen.» (Virot 1968:38)

Die Assimilationspolitik der 1960er und 1970er Jahre strebte eine Balance von wirtschaftlicher Nachfrage und Eindämmung der Schwarzenbach-Bewegung an. Die Überfremdungsangst beim Staat war aber selbst so gross, dass die «Schweizermacher» enorme Einbürgerungshürden aufbauten. Wenn auch die UNESCO-Deklaration gegen Rassimus von 1950, den Begriff der «Rasse» als unwissenschaftlich geächtet hatte, setzte sich die Herrschaftslogik im Namen der «Kultur» – als «Rassismus ohne Rassen» oder als Kulturrassismus – fort.

Ab den 1990er Jahren gewann eine staatlich geförderte Integrationspolitik an Bedeutung, die den Weg in Richtung struktureller Eingliederung statt kultureller Assimilation begründete. Spätestens mit New Public Management und seit dem anti-muslimischen Klima nach 9/11 wurde Integration umgedeutet. Die Formel «Fördern und Fordern» ermöglicht eine möglichst effiziente Selektion von produktiver und nicht produktiver Arbeitskraft. Zudem verankert sie kulturelle Normen – wie im Falle von Minarett- oder Kopftuchverboten, oder Monolingualität – als «Verfassungspatriotismus». Integration ist selbst Teil eines Herrschaftssystems geworden, das der Dominanzgesellschaft erlaubt zu steuern, welche MigrantInnen in der Schweiz erwünscht und sind und welche nicht. 2004 wurde die erleichterte Einbürgerung für die 2. und das ius soli für die 3. Generation abgelehnt – unter anderem weil eine breite Medienkampagne «Kosovo-Raser» als nicht-assimilerbare Kriminelle verunglimpfte. Auch 100 Jahre nachdem diese republikanische Forderung zum ersten Mal thematisiert wurde, schmetterte eine – angesichts der Stimmbeteiligung von gut 50% – privilegierte Minderheit das ius soli für die zweite Generation ab (Jain 2015).

SVP Plaket_500

Die SVP verwendet eine brachiale Sprache, aber die Logik sitzt in den Institutionen und Köpfen der Dominanzgesellschaft. (©SVP)

Quo Vadis, Schweiz?

Der «Balkangraben» in den Köpfen und Institutionen der Dominanzgesellschaft mag seine Namen wechseln, aber nicht seine Funktion: Kulturelle, rassialisierte Differenzen – sowie ihr Einsatz und ihre Bewertung im gesellschaftlichen Alltag –  sind nicht naturgegeben. Sie dienen der Zuweisung von Status, Rechten, Ressouren und Repräsentationsmacht in einem Herrschaftssystem. So wurde der «Balkangraben» im «Schweizer Migrationskomplex» gepflegt und gehegt, bis alle daran glaubten. Von Burckharts Angst vor Malayen auf Schweizer Boden über Virots Paranoia vor grölenden Italienern auf der Strasse bis zur Verunglimpfung von «Kosovo-Rasern» zieht sich eine Kluft durch Schweizer Politik, Ökonomie, Medien und Kultur – bis heute. Aber wird die Dominanzgesellschaft Privilegien teilen wollen und ihre Öffentlichkeit und Institutionen öffnen.

Statt ganz selbstverständlich – wie für mindestens 40% der Bevölkerung – seine Mehrfachzugehörigkeit als schweizerisch-kosovarischer Secondo legitim leben und äussern zu können, hat Xherdan Shaqiri als Fussballprofi und als Secondo gelernt, wie er öffentlich auf das assimilatorische Misstrauen – das die Schweiz von Burckhardt, Virot bis Lichtsteiner hegt – zu reagieren hat: Er bekräftigt sein Engagement für die Nati, er dankt dem Land, dass es ihm als Migrant eine Chance gegeben hat. So wird er seiner Rolle als Integrationsheld und Vorbild für alle Secondos gerecht, ohne Kritik zu erregen. Denn ein Land, das nicht über rassistische Strukturen sprechen und Institutionen verändern will, liebt die Ausländer, die es aus eigener Kraft schaffen – und diszipliniert die, die «eigenverantwortlich» in den Mühlen des Systems scheitern.

Wie sieht die Schweiz 2050 aus? Demografisch wird der Anteil von Menschen mit Migrationsvorsprung zunehmen. Wird sich die Dominanzgesellschaft weiterhin mit struktureller Gewalt gegen die Realität und die Menschen stemmen, die ihren Wohlstand mitaufgebaut haben? Oder wird sie die Privilegien teilen wollen und die «Schweizer Öffentlichkeit» und ihre Institutionen öffnen. Dies wird nur möglich sein, wenn das Schweigen über Rassismus und Rassismuserfahrung in der postmigrantischen Schweiz gebrochen wird.

Bitte schweigen_500

Bitte schweigen – Rassismus das bitterste Geheimnis der Schweiz (©Rohit Jain)

Rohit Jain
Scientific Officer, nccr – on the move

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInEmail this to someonePrint this page